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Groebners neuer Glossenhauer
Der neue Glossenhauer

Was ich so in die Weiten sende…

24. Februar 2026

Die „Zeitenwende“ ist seit nun mehr als vier Jahren in unseren Sprachgebrauch eingegangen. Aber wahrscheinlich noch nicht in unseren Köpfen.
Dabei ändert sich so vieles.

Manches heißt zwar noch so wie früher, ist aber längst etwas anderes.

Zum Beispiel: Wirtschaftspolitik.
Früher ein Feld auf dem sich die Kräfte des Marktes entfalten konnten, sanft oder auch stärker gesteuert von Staaten (oder Staatengemeinschaften), die sich jeden ihrer Schritte wohl überlegt haben. Da wurden Aktionen und Reaktionen abgewogen, Konsequenzen berechnet, Prozentpunkte kalkuliert und schließlich - vorsichtig - ein Schritt gesetzt.
Diese Zeiten sind vorbei.

Heute ist Wirtschaftspolitik so etwas wie ein Wutraum.
Das sind jene Räume, die die sogenannten Wutbürger nicht - oder viel zu selten - aufsuchen. In einem Wutraum, da darf man nämlich mal aus sich heraus gehen. Und einfach lustig destruktiv sein. Da kann man herumbrüllen, Pappe zerreissen, Geschirr an die Wand schmeißen oder aus blankem Zorn auf Gummipuppen einprügeln und nachher…. ist man zwar ausser Atem, aber: besser drauf.

Und genau das ist heute Wirtschaftspolitik.

Da wird mit Zöllen um sich geworfen, da werden Beteiligungen zertrümmert, da werden zart erblühend Wirtschaftszweige in Grund und Boden getrampelt, oder aus purer Ideologie die Elektromobilität oder das Darlehen für den Nachbarstaat an die Wand gefahren.
Und danach… kriegt man zwar Applaus von schmierigen Lobbyverbänden, aber: am Schluß geht’s allen schlechter.

Eine andere Form von Zeitenwende wäre, der Veränderung endlich auch neue Begriffe folgen zu lassen. Also nicht etwas anderes machen als bisher. Aber dasselbe wie bisher anders nennen.

Nehmen wir die gerade zu Ende gegangenen olympischen Spiele.
Die sind angeblich ein völlig unpolitisches, sportliches Event, in dem sich unterschiedliche Länder miteinander messen.
Das ist so richtig wie die FIFA-Ethik-Kommission (erinnert sich noch jemand an die?) wirkungsvoll. Denn hier streiten nicht Nationen im fairen, sportlichen Wettkampf, nein, hier treten ein paar international agierende Labore der leistungssteigernden Pharmakologie mit unterschiedlichen Produkten, verteilt über mehrere Teams, Geschlechter und Sportarten gegeneinander an.
Am Schluß bekommen dann die überlebenden und am besten performenden Versuchskan… Athleten in aller Öffentlichkeit Medaillen, die siegreichen Labore dagegen kriegen in aller Diskretion Aufträge.

Und die Zuschauer, die das Spektakel der internationalen Biochemie gebannt verfolgen, sind nicht selten diese Wutbürger, die vor ein paar Jahren noch gegen die „Pharmalobby“ gewettert haben.

Und trotzdem heißt das Ding immer noch „olympische Spiele“.
Warum nicht sagen, was ist?
Also: „Schatz, lass uns die Labortests bei Extrembedingungen anschauen!“ - „Die kalten oder die warmen Tests?“
Das würde doch auch ganz neue Möglichkeiten für potentielle Werbepartner eröffnen.

Oder Zeitenwende wäre eine neue Form durch gezieltes neues Framing, durch bewußte Neu-Etikettierung die Menschen mitzunehmen.
Ihren Horizont zu erweitern.
Auf neue Wege führen.
Und das nicht nur metaphorisch, nein, sondern wirklich.

Da bucht man dann zum Beispiel ein Event.
Ähnlich wie ein Escape-Room aus dem man ausbrechen muss, ist es hier ein Get-There-If-You-Can-Ereignis.
Es beginnt damit, dass schon mal unklar ist, wo das Fahrzeug, das man für den irren Trip gebucht hat, überhaupt abfährt. Dann ist es wieder die Uhrzeit, bei der man sich nicht sicher sein kann. Schließlich weiß man nicht, ob sich das Ding überhaupt jemals in Bewegung setzen wird. Deshalb hast Du auch hoffentlich auch ausreichend Proviant mit, weil keiner weiß, ob es unterwegs etwas zu essen gibt.
Oder auch nur heißes Wasser.

Und selbst wenn es das gibt, kostet es.
Da wirst Du also nicht nur nervlich und körperlich, sondern auch charakterlich herausgefordert. Du musst durch geschickte Atemtechnik Deine innere Mitte stabilisieren, Deinen Frieden bewahren.
Stichwort: Kampf mit Dir selbst.

Aber auch Kampf mit der Geographie. Plötzlich weicht das Ding kilometerweit von der eigentlich geplanten Route ab, fährt völlig sinnlose Umwege. Aber das ist nur scheinbar so.

Denn in Wahrheit ist das aber Teil der Herausforderung: Behältst Du den Überblick? Findest Du die Geduld in Dir? Schaffst Du es mit Deinem inneren Zen-Meister diesen Einbruch der völligen geographischen Sinnlosigkeit weg zu meditieren?
Kurz gesagt: Bist Du stark genug?

Wenn ja, buchst Du das nächste Mal eine Stufe höher:
Dieselbe Tour nur diesmal mit einer Gruppe Rentnerinnen und acht Flaschen Billig Sekt dazu - oder plus einer Gruppe Fussballfans auf Junggesellenabschied und einer Bluetoothbox.
Oder - wer es ganz hart haben will - beides zusammen.

Wer danach immer noch freundlich und gelassen ist, weiß: Ich hab es geschafft. Ich bin immun. Ich habe den Wutbürger in mir gezähmt.
Ich habe die innere Zeitenwende vollzogen.

Und zum Dank bekommst Du dann die Durchsage:
„Das österreichische Zugteam begrüßt sie ganz herzlich. Wir sind zur Zeit mit einer Verzögerung von 95 Minuten unterwegs. Grund dafür ist eine verspätete Übergabe aus dem Ausland… und ich sag’s gleich: Slowenien war’s net.“

Und wenn das die Zeitenwende für Dich ist… Glück gehabt.
In der Ukraine heißt nämlich Zeitenwende keine Wortspielereien und keine Wutbürger, sondern Tod und Leid und Frost und…
…keine Seitenwände.
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