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Der neue Glossenhauer

Völker der Welt: Schaut auf dieses Recht!

6. Jänner 2026

Die Frau im Zug hustet. Ständig. Ich geh hin und biete ihr zwei unterschiedliche Arten von stimmpflegenden, halsschmeichelnden Lutschbonbons an. Hab ich immer dabei. Ich bin nämlich zusätzlich zu meinem Nebenberuf als Kabarettist und Satiriker, im Hauptberuf nämlich auch noch Erkältungs- und Heiserkeitshypochonder.
Sie krächzt: „Danke!“ Und deutet auf eine der Packungen. Ich geb ihr sechs Stück. Dann versuchst sie noch eine Erklärung: „Ich hab nämlich eine Allergie und wenn…“ sie macht eine ausladende Handbewegung „… Menschen vorbei gehen wird es schlimmer.“

Tja. Die Allergie hab ich auch. Nur auf Ereignisse bezogen.
Wenn so Ereignisse vorbei gehen… also passieren, dann muss ich … nein, nicht husten … sondern schlucken.
Und ich schluck gerade dauernd. Fühl mich schon wie ein Schluckspecht. Nur ohne Flügel. Aber wie ein Specht hab ich auch das dringende Bedürfnis meinen Kopf gegen den nächsten Baum zu schlagen. Mehrmals.

Mach ich aber nicht. Baum wird noch gebraucht. Kopf auch.
Obwohl es ausreichend passiertes gäbe.
Donald Trump etwa lässt einfach so Venezuela angreifen, nur um seinem Kollegen Wladimir Putin zu zeigen: Schau her, Du russischer Kasperl… so macht man das!
Und während die ganze Welt darüber diskutiert, ob man das machen kann oder ob das gegen das Völkerrecht verstößt…
…bombardieren Frankreich und Großbritannien Stellungen des IS in Syrien.
Ob das so extrem völkerrechtskonform war, weiß ich jetzt auch nicht.

Da fragt man sich doch: wen interessiert das eigentlich noch, das Völkerrecht? Ich glaube, mittlerweile halten das die meisten für das Regelwerk beim Völkerball. Und dabei spielt man Völkerball ja kaum mehr in den Schulen, weil: schwieriger Name und zu brutal.
Ausserhalb der Schule ist es aber Wurscht. Da gibt’s gar keine Regeln und zu brutal… geht gar nicht.

Obwohl ich mir ja vorstellen kann, dass der Wladimir sich denkt: Abwarten, Donald, abwarten.
Denn wenn das in Venezuela so gut klappt, wie sein Friedensplan in Gaza, na dann:
Good Night & good luck! Also: Buenas Noches y Buena Suerte!
Schließlich sind Lateinamerikanische Staaten nicht dafür bekannt, dass sie sich wahnsinnig gern von Gringos regieren lassen. Oder das Öl klauen lassen. Oder überhaupt sich gerne von denen auf das Haupt (und sei es noch so korrupt) defäkieren lassen.
Kurz gesagt: Keiner weiß, was der orange Mann voll unterdrückter Aggressionen und Selbstmitleid da los getreten hat.

Aber Ziel gerichtetes Handeln ist ja im 21. Jahrhundert so wie so völlig aus der Mode.

Das gibt es auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums und in weitaus kleinerem Maßstab: Eine angeblich linksextreme „Vulkangruppe“ lässt durch einen gezielten Anschlag auf das Berliner Stromnetz tausende Haushalte in Dunkelheit und Kälte zurück.
Weiß nicht, ob das sehr linksextrem ist, anderen den Strom abzuschalten.
Das macht der Putin mit seinen Angriffen auf die Infrastruktur der Ukraine schon seit bald vier Jahren.
Und wenn der Putin linksextrem ist, bin ich ein Specht… nein, ein Schnabeltier! Mit Flügeln. Und eingebauten Bluetooth-Lautsprechern. Das obendrein in der Lage ist Erdöl bis zu 4000 Meter Tiefe zu erschnüffeln.
Und das bin ich - soviel sei verraten - eher nicht.

Was mit so einem Anschlag bezweckt werden soll ist ja völlig unklar.
Denn wenn man Menschen in Kälte und Dunkelheit versetzt, von wem sollte man sich Applaus erwarten?
Von der Berliner Vereinigung der Solarmodulverkäufer? Oder den Berliner Kohlenhändlern?
Grundsätzlich gilt: Mit Kälte und Dunkelheit kann man sich nur an einem heißen Juli Tag Sympathien erwerben.
Und der ist noch sehr weit. Wer’s nicht glaubt, schaut mal beim Fenster raus.

Apropos heiß:
Die amtsführende Staatsanwältin in der Schweiz, die diese fürchterliche Brandkatastrophe untersuchen soll, sagt von sich: „Ich bin viereckig und stur.“ Na, die hat anscheinend auch zu viel Minecraft gespielt, bei dem Selbstbild.
Aber man wünscht ihr gutes Gelingen.
Und ich bin wirklich nicht neidig um der ihren Job.

Aber vielleicht, wenn sie den gut macht, dann steigt sie auf und dann noch weiter… in Richtung internationales Recht und irgendwann… vielleicht… irgendwann dann darf sie mal eine Anklage führen gegen: Wladimir und Donald.
Bis dahin kann sie von mir aus auch gern achteckig werden. Oder zwölf. Oder die Form aller platonischer Körper gleichzeitig annehmen. Wie sie will. Hauptsache, sie knastet die beiden ein. Solange es das Völkerrecht hergibt. Und solange es das Völkerrecht noch gibt.
Also hoffentlich sehr, sehr lange.
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