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Groebners neuer Glossenhauer
Der neue Glossenhauer

Glosse auf Eis

2. März 2026

Was mich gar nicht interessiert, ist zum Beispiel: Fussball. Aber auch Schifahren. Oder die Mischung aus beiden: Curling.
Ist mir völlig egal.

Damit bin ich in der Minderheit. Das ist mir völlig klar.
Wochenende für Wochenende strömen die Massen in die Stadien, gewandet in die Farben „ihres“ Clubs, johlen, haben ein Gemeinschaftserlebnis, fühlen sich aufgehoben im warmen Schoß des kollektiven Unbewussten und verfolgen Woche für Woche, wie die nationale Curling-Liga aussieht.

Oder war das Fussball?
Wie gesagt: Es interessiert mich nicht.
Und ich versteh eigentlich nicht, wie man sich dafür interessieren kann.

Denn mich interessiert Politik.
Dummerweise.

Das ist ein ganz anderes Spiel.
Wenn es dabei um Massen und Stadien geht und um das Kollektive Unbewusste, dann nennt man das Krieg. Dann handelt es sich nämlich um Massenvernichtungswaffen, unterschiedliche Stadien der Kriegsführung und Angst als Ausdruck des kollektiven Unbewussten.

Womit wir im Nahen Osten angekommen wären.
Regelmäßigen Lesern dieses satirischen Kleinods wird schon aufgefallen sein, dass sich der Glossenhauer, der ja sonst immer zu allem eine Meinung hat (manchmal sogar eine Seinung oder eine Irrung), bei diesem Thema gerne zurückhält. Aus gutem Grund.

Beim Nahostkonflikt weiß man nämlich mehrere Dinge nicht.

Erstens:
Wann hat er angefangen?
2001? Mit den Anschlägen aufs World-Trade-Center? 1991? Golfkrieg? 1979? Mit der iranischen Revolution? 1967? Mit dem Sechs-Tage-Krieg? 1948? Mit der Gründung des Staates Israel? 1935? Mit den Nürnberger Rassegesetzen und dem darauf folgenden Holocaust? 1929? Massaker von Hebron? 1920? Mit dem Vertrag von Sèvres und der Zerschlagung des osmanischen Reichs? 1916? Mit dem Sykes-Picot-Abkommen?

Oder noch früher?
Mit dem Entstehen des Zionismus? Oder mit dem Entstehen des Panarabismus?
Oder mit den antisemitischen Pogromen im Zarenreich?
Oder mit dem Ausgreifen des europäischen Kolonialismus auf die Provinzen des zerbröselnden osmanischen Reichs?
Oder…. Oder…oder…
Oder doch die Eroberung Jerusalems durch die Kreuzritter 1099??
Die Errichtung der Al-Aqsa-Moschee 717?
Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer 70?

Ja! Vielleicht sind ja die Römer schuld?
Denn wir wissen ja alle seit dem „Leben des Brian“: Was haben die Römer je für uns getan?!

Und schon jetzt werde ich sicher mindestens drei Antwortmails bekommen, dass ich es mir viel zu leicht mache, weil es doch ganz eindeutig wäre, wer hier der wirkliche Schuldige wäre, nämlich logischerweise: (bitte hier je nach politischer Meinung und ideologisch gefärbter Ausblendung einen Namen einsetzen)

Zweitens:
Wo hört er auf?
Wenn Israel und die USA den Iran bombardieren… ist das noch Nahostkonflikt? Hmmm… wahrscheinlich.
Wenn aber zeitgleich das eine Nachbarland des Irans, Pakistan, das andere Nachbarland des Iran, Afghanistan, bombardiert, ist das das schon der ferne Osten? Oder der mittlere? Oder der dazwischenliegende Osten? Oder der nicht so wichtige Osten?

Und was sagt China dazu? Schließlich grenzen beide Länder an die Volksrepublik. Und zwar im Westen.

Und die Urlauber, die jetzt angelockt von der Dubai-Schokolade, in ihren Hotels in den Gereinigten Arabischen Eremitagen festsitzen, wollten auch nur Urlaub „in der Golfregion“ machen, was nach satten, grünen Wiesen mit Fähnchen und Löchern in den schottischen Lowlands klingt, aber seltsamer Weise plötzlich vis-a-vis vom Iran und damit mitten im Geschehen liegt.

Drittens:
Wenn jetzt zwei „lupenreine Demokraten“ (© G. Schröder über W.Putin) wie der Donald und der Bibi einen „Regime Change“ im Iran herbei bomben wollen, möchte man schon wissen, wo das schon mal geklappt hat.
Dieses beeindruckende simple Konzept wurde ja schon mehrmals angewandt: Irak, Afghanistan, Libyen… alles Staaten, die heute für gelebte Demokratie im südlichen, kaputten Osten stehen.
Allerdings nur wenn man Demokratie so definiert, dass jeder das Recht hat Waffen zu tragen.

Irgendwie sollen jetzt nämlich, oder in vier Wochen, oder wann auch immer dem Donald das bombardieren fad wird, dann „the great People of Iran“ die Regierung übernehmen. Schließlich haben die ja vor ein paar Wochen noch demonstriert.
Gute Idee! Sehr begrüßenswert.
Diese Mullahs sind einfach ein Haufen religiöser Faschisten. Keine Frage.

Nur: wann dürfen dann „the great People of Israel“ und „the great People of the USA“, die auch ständig und regelmäßig gegen den Bibi und den Donald auf die Straße gehen, die Macht übernehmen?
Die betreffenden Herren müsste man gar nicht zerbomben. Ein ordentliches Gerichtsverfahren würde ja schon reichen.

Aber das ist natürlich schon wieder ein Vergleich, der hinkt. Der so nicht geht. Denn man kann es sich nicht so einfach machen. 
Und schon sehe ich, wie mehr Mails zurückkommen, dass man das „so nicht sagen kann“.
Dabei hab ich gar nichts gesagt. Nur geschrieben.

Deshalb sag ich nichts über den Konflikt, zu dem alle was sagen. Und alle was posten. Am besten, das was für sie am Naheliegendsten ist. Dem Nah-Post-Konflikt also.
Ich schweige lieber. Und versuche zu verstehen.

Und eins hab ich schon kapiert.
Warum sich so viele Leute statt für Politik, für Fussball interessieren. Oder Schifahren. Oder Curling.
Im Gegensatz zur Politik ist das kein so dünnes Eis.
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