Severin Groebners Newsletter
Groebners neuer Glossenhauer
Der neue Glossenhauer

Selfie Revolution!

24. August 2026

Nachdem ich jetzt drei halb fertige Newsletter geschrieben und wieder verworfen habe, habe ich beschlossen, dass es ein neues Museum braucht. Das Museum für unfertige, unveröffentlichte Online-Satiren. Da kommen dann meine Textbaustellen rein und die - selbstgeschriebenen - Reden diverser AfD- und FPÖ-Abgeordneter, bevor die Partei-PR-Abteilung drüber gegangen ist.
Aber ich gebe nicht auf und habe jetzt endlich das Thema gefunden, das satirisch von einem 56jährigen weißen Mann bearbeitet gehört, nämlich: die Jugend.

Denn die Jugend macht weltweit auf sich aufmerksam. In Indien rebelliert sie unter dem Leben der „Kakerlaken“, in Vietnam verehrt Sie dagegen einen Baum. Nicht aus spirituellen Gründen, sondern weil an diesem Baum eine junge Frau zu Tode gekommen ist.

Was wiederum deshalb passiert ist, weil sie auf ihrem Moped einem BMW eines regierungsnahen Geisterfahrer ausgewichen ist, und dann ihr Lebensende an dieser verholzten Pflanze gefunden hat.
Aber auch in Nepal sind die jungen nicht sehr glücklich und auch in Albanien nicht.
Dort werden schließlich auch die Flamingo-Proteste von vielen jungen Menschen getragen. Das sind Proteste dagegen, dass die Familie Trump bzw. Kushner im letzten unberührten Küstenabschnitt Europas ein Ressort errichten möchte.

Wie ich jung war - zuhören, Ihr Jungen, der alte Sack spricht von früher! Das ist spannend! Für ihn. - stand „Ressort“ noch für einen Fachbereich in Verwaltung oder Wissenschaft, in dem - und jetzt wird’s crazy, Ihr Youngsters! - eine kompetente Person mit passender Ausbildung im Rahmen der gesetzlich gesteckten Grenzen gewirkt hat.

Das ist aber mittlerweile Past-Fiction und deshalb steht Ressort heute für eine Ansammlung von Häusern, die zugunsten - wie ich als Wiener sagen würde - von "überfinanzierten Beidlbracker“ errichtet werden soll. Wem das zu seltsam klingt, kann auch es auch auf bayerisch sagen, dass das Hütten für „geldgeile Zipfelklatscher“ sind. Oder wir bleiben sachlich neutral und sagen einfach Zweit- oder Dritt- oder Viert-Wohnmöglichkeiten für der Selbstbefriedigung zuneigende Überreiche.

Wie auch immer: auch diese Proteste in Albanien werden von jungen Leuten getragen. Genauso wie die Proteste in Serbien gegen Aleksander Vucic, der wiederum ein Busenfreu… nein… ein Popokamerad von Waldemar Steck-Rein (Mafiaboss und Kriegsverbrecher mit Zweitjob an der Spitze der russischen Verwaltung) ist.

Also die jungen Leute sind weltweit auf der Straße und protestieren gegen ein System, dass mal so und mal so heißt, aber überall die selben Ausformungen hat. Nämlich, dass Geld aus der Öffentlichkeit und dem Allgemeingut abgezogen wird, um es in Projekte zu stecken, von denen nur ganz, ganz wenige, relativ alte Leute und ihre Familien profitieren. Meistens sind es Herrn und obendrein gehen all diese Projekte auf Kosten der Zukunft. Und damit vor allem auf Kosten der Jungen.
Denn natürlich muss man mit einem Siebzigjährigen nicht mehr über Zukunft diskutieren. Schließlich berechnet der „Zukunft“ nicht in Jahrzehnten, sondern in Monaten. Sollen 120 Monate sein, aber viel länger wird’s statistisch nicht.

Deshalb ist die Jugend zu Sachen Zukunftsfragen seltsamerweise immer am meisten betroffen und dementsprechend sauer. Weltweit.
Moment! Weltweit?
Nein, ein kleiner Fleck der jugendlichen Weltbevölkerung hört nicht auf, keinen Widerstand zu leisten.

Denn in der der deutschsprachigen Jugend sehe ich nichts, was sich in ähnlicher Weise darstellt.
Deshalb gibt es jetzt auch diesen Newsletter, weil der ein Bedürfnis befriedigt, dass die Jugend immer schon hegt, hegen wird und gehegt hat. (Vielleicht sogar gehogen.)
Heimlich, aber intensiv.

Denn nichts will die Jugend mehr, nach nichts mehr dürstet sie mit feurigem Herzen (um das mal in Jugendsprache zu sagen) als gute Ratschläge von älteren Herrn zu empfangen. Empfangen zu dürfen, um genau zu sein.
Ich weiß das. Früher hab ich das anders gesehen, aber heute, wo ich einer dieser älteren Menschen bin, weiß ich das ganz, ganz genau. Denn - und jetzt kommt die Credibility-Phrase, die mich direkt in das Mindset der chilling Youth katapultiert - „ich war auch mal jung!“

Echt. Und deshalb kenn ich mich aus mit Widerstand und Revolution und so Zeug. Schließlich war ich jung in den Achtziger Jahren und da haben wir all das…
…nicht gemacht. Dafür gab’s Schulterpolster, Vokuhila und Aerobic. Und das alles ummantelt von Selbstmitleid und Frottee-Stirnbändern. Das musste man erstmal aushalten!
Deshalb bin ich Experte für Jugendrebellionen.
Weil ich keine erlebt hab.

Klingt unlogisch? Im Gegenteil: Das ist so wie in der katholischen Kirche. Da erzählt einem auch der Pfarrer, Bischof, ja sogar der Papst, immer was über Sex und wie man und frau was machen soll und mit wem und was nicht. Und selbst pflegen die Ratschlaggeber frommste Enthaltsamkeit.
Angeblich.

Deshalb hier die Top 3 Tipps für die gelungene Jugendrevolte:
Erstens braucht man ein Thema. Und was fasziniert die jungen Menschen am meisten? Wenn man sich umschaut, wollen sie nichts wissen von Klimawandel, Grundwasserspiegel, Ernährungssicherheit, Ausbildungsplätzen, leistbarem Wohnen, Vermögens- oder Erbschaftssteuer, Menschenrechten oder ähnlichem unwichtigen Kasperltheater, nein, junge Menschen interessieren sich für: ihre Handys!

Insofern jetzt Rebellionen für das, was euch am meisten interessiert: Handytarife und Netzabdeckung.
Eine Rebellion für Handytarife ist auch deshalb sehr gut, weil sich jeder angesprochen fühlen kann. Und wenn nicht, ruft man ihn einfach an und sprich ihn an.
Oder schickt ihm eine Sprachnachricht.

Zweitens, wenn schon die Rebellion um sowas wesentliches geht, braucht sie natürlich auch klares Image. Eine PR-Strategie. Also wenn die indische Jugend sich mit Kakerlaken identifiziert, braucht die deutschsprachige Jugend natürlich auch etwas, was so einschlägt.
Wie wär’s mit dem Bild eines stilisierten USB-Anschluss? Oder einem ironischen Chai-Latte-Emoji?
Oder dem Meme von einem Hipster-Bart? Einem Bart, der so klein ist, dass man nicht weiß: Ist eine Gesichtsfrisur oder eine Intimrasur?

Oder man nimmt einfach die drei Balken, die auf jedem Handy zu finden sind, und die stehen für die drei Säulen der Gesellschaft: Netz-Empfang, freier Download und Akku-Laufzeit.
Denn das ist das Grundrecht. Das wissen auch Thea oder Benny, die gerade während des Starkregens in eine U-Bahn Station geflüchtet sind. Das ist die Mission dieser aufrichtigen Konsumenten einer Wisch&Wegkultur! Drei Balken! Am besten alle drei im Auge.

Drittens: konkrete Forderungen!
Also 24 Stunden lang gratis Streaming - aber ökologisch korrekt. Das heißt: die Streaming Server werden mit Bio-Limonade gekühlt. Und eine Bluetooth Box für jede und jeden. Denn unbegründete, nervige Lautstärke war immer schon ein Vorrecht der Jugend.
Sieht man, wenn man nach hinten schaut: Rock’n‘ Roll - laut. Zweiter Weltkrieg - extrem laut! Davor: Nazi-Aufmärsche, erster Weltkrieg, Dreissigjähriger Krieg, Kreuzzüge, Völkerwanderungen…. alles wurde von jungen Leuten betrieben - und war nicht leise.

Und dann müssen natürlich die konkreten, politischen Forderungen, die die deutschsprachige Jugend erhebt, so gestellt werden, damit sie in das passen, was am Schluss auch rauskommt.
Nämlich ein: Beirat.

Der Beirat ist das Höchste, was die demokratischen Gesellschaften Europas an Flexibilität und Reformwillen zu Stande bekommen. Denn, wenn man eine Gruppe jahrzehntelang verarscht und ausgebeutet hat und auch weiter verarschen und ausbeuten will, aber Ihnen das Gefühl geben, dass sie nicht mehr „so arg“ ausgebeutet und verarscht werden, dann bekommt die Gruppe einen Beirat. Deshalb gibt es Ausländer-Beiräte, Frauen-Beiräte, Elternbeiräte und natürlich auch Kinderberäte.
Das ist alles wahnsinnig schön und die Betroffenen haben sie was zum reden, aber nichts zu sagen.

Denn die dürfen ein Statement abgeben, woraufhin alle Entscheidungsträger und Innen interessiert „danke“ sagen und dann das beschließen, was Ihnen der Lobbyisten-Verband ihres Vertrauen aufgeschrieben hat.
Der Beirat ist also schön. Er ist eine Mischung aus Unrat und Hausrat. Schön… aber es geht auch ohne ihn.
Und wenn diese Jugend dann das endlich bekommen hat, den Mobilfunkbeirat, dann kann sie in zerbröselnden Schulen bei Nicht-trinkbarem Trinkwasser und steigenden Lebensmittelpreisen fern von leistbaren Wohnungen,„ein Wörtchen" mitreden.
Aber halt auch nur ein Wörtchen.

Ach ja, noch einmal jung sein, das wär… ein Horror!
Also lieber was streamen, man kann ja eh nix machen.
Und mit diesen Aussichten weiß man plötzlich auch, warum die Altersgenossen in Indien sich das Image einer Kakerlake gewählt haben.
Weil dieses Tier hat - zusammen mit den Brombeeren und den Ratten - die beste Chance, die ganze Scheiße zu überleben.
Also Lächeln: Selfie!
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